Tag 115 20 km 08.07.10
Mit dem Bus fahre ich zurück ans Rote Meer nach Eilat, was ca 2 km von Aqaba entfernt liegt, nur halt in Israel, beantrage dort ein Visum für Ägypten und komme am frühen Abend mit dem Fahrrad über die Grenze nach Ägypten wo ich reichlich Vorräte für die bevorstehende Sinaidurchquerung einkaufe. Die Wasserreserven weite ich auf 10 Liter auf – ich will 1 ½ Tage in der Lage sein ohne Nachschub durchzukommen. Ein Einheimischer warnt mich vor Wölfen, die es im Sinai gebe. Ich solle einen großen Stock mitnehmen. Auf seine Frage wo ich übernachte antworte ich “im Zelt” – dass ich ohne Zelt reise (Christian wollte das Zelt gerne in Israel nutzen) traue ich mir nicht zu erzählen, er würde mich wohl für komplett bescheuert halten…
Ich hab keine Ahnung ob es im Sinai Wölfe gibt, hab aber auch keine Möglichkeit dies herauszubekommen. Und da ich ab jetzt allein reise und ohne Zelt unter freiem Himmel schlafen werde nehme ich den Rat des Mannes an und führe einen ordentlichen Stock mit mir, den ich griffbereit halte.
Die erste Nacht schlafe ich an der Küste in einer leerstehenden Hütte.
Tag 116 110 km 09.07
Kurz nach 5 stehe ich auf, packe und fahre vor Sonnenaufgang los. Mein Weg führt weg von der Küste und geht nun ein gutes Stück aufwärts in den Sinai. Unterwegs komme ich an einem ausgebrannten Tanklastwagen vorbei und komme mir selber ein Bischen wie ein LKW vor, wie ich mich langsam aber kontinuierlich die Straße hinaufkämpfe- nur ausgebrannt fühle ich mich nicht, im Gegenteil: Nur mein Rad und ich auf der halbwegs ruhigen Straße im Sinai. Ich genieße das Fahren und plötzlich habe ich erstmals auf der gesamten Reise das Gefühl wirklich weit weg zu sein.
Trotz der Steigung und des starken Gegenwindes erreiche ich irgendwann eine Art Plateau, das sich im Norden über die Sinaihalbinsel erstreckt. Ich durchquere hier zum ersten mal eine richtige Wüste.
Mittag kann ich in einem Restaurant in einem kleinen Dorf machen. Ab und an überholen mich Autos oder Kleinbusse, die abenteuerlich beladen sind. Die Zuladung an Koffern und Säcken die auf den Dachgepäckträgern untergebracht wird entspricht oft mindestens dem Volumen des Autos…
Ein Auto überholt mich, hält an und der Fahrer fragt, ob er irgendwas für mich tun kann. Als ich verneine schenkt er mir trotzdem eine Flasche eiskaltes Wasser. Wasser in der Wüste. Was für ein Geschenk.
Als es abends zu dämmern beginnt such ich nach einer geeigneten Schlafstelle. Am Besten etwas, dass zumindest an zwei Seiten geschlossen ist, damit man mit dem Rücken in einer Ecke stehen kann, falls tierischer Besuch kommen sollte. Ich finde eine Art Bushaltestelle, die drei Wände hat- perfekt. Bevor ich mich totmüde schlafen lege sammle ich noch ein gutes Dutzend Steine, die ich neben Messer, Stock und Taschenlampe griffbereit lege.
Tag 117 175 km 10.07
Es wird der längste Tag der Reise. 6.00 bin ich auf der Straße. Da der Himmel über Nacht zugezogen ist, ist es so kühl, dass ich mit Jacke losfahre. Ein zweiter wunderschöner Tag in der Wüste. Es gibt verlassene Bunker zu sehen, viele Militärbasen, Tier-Skelette, viele kaputte LKW Reifen und an einer Stelle sogar winzige Grüne Flecken, auf denen sich zu meinem großen Erstaunen Schmetterlinge tummeln. Und immer wieder fasziniert mich die Landschaft…
Stellenweise ist ist die Straße am Seitenstreifen eingebrochen- sehr beruhigend. Überall wo Schatten auftaucht, ist er mir willkommen um eine Pause zu machen.Unter einem Baum, in einer Röhre unter der Straße oder Unterständen die wie Bushaltestellen aussehen und Schatten spenden sollen. Eine Pause ohne Schatten ist undenkbar, dann lieber weiterfahren und wenigstens Fahrtwind haben (auch wenn der, wie der leichte Gegen- und Seitenwind warm ist).
Als es Abend wird fahre ich wieder auf Berge zu, Soldaten laden mich ein, aber ich fahre weiter. Ich fahre weiter, weil ich Strecke machen will, ich fahre weiter, weil es Spaß macht, weil ich auf niemand Rücksicht nehmen muss, ich fahre einfach weiter… weil ich frei bin.
Es wird wieder sehr windig, ich komme an ersten Sanddünen vorbei. Der Anstieg ist bald vorüber, dann aber großteils eher abwärts. Der Wind lässt den Sand durch die Luft fegen, so dass es manchmal auf der Haut leicht schmerzt. Als es absolut zu dunkel ist, um mit der Sonnenbrille weiterzufahren, setze ich erstmals zum Fahren meine Brille auf. Ein schlechter Schutz gegen Sand in den Augen ist besser als gar keiner.
Als ich unvermittelt in eine Sanddüne fahre, die auf die Straße geweht ist, mache ich zusätzlich zu meinem Vorderlicht noch meine Stirnlampe an. Es hat schon ein gewisses Etwas, wenn man nachts auf einer Straße durch die Wüste fährt, Sand der im Schein der Stirnlampe wirbelt, bis zu Fahrrad hohe Dünen die auf der Straße auftauchen und man selbst ohne Ahnung wo man in dieser Nacht, die schon längst reingebrochen ist, schlafen wird.
Ich fahre bevorzugt auf dem Standstreifen der Gegenrichtung, da dieser auf der hier sehr breiten Straße weitgehend dünenfrei ist – immer auf der Hut vor anderen Autos. Vor nächtlichen Überlandfahrten durch Ägypten rät jeder Reiseführer stark ab. Als ich schließlich in Sichtweite des Suezkanals an einer leeren Steinhütte vorbeikomme bin ich “tod aber glücklich”.








